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Bronnbacher Musikfrühling
Jahresprogramm 2009

Atos-Trio begeistert mit hinreißendem Triospiel (am Dienstag, den 09.06.2009)

 ATOS Trio

Hinreißendes, grandioses, ja streckenweise geniales Triospiel erlebten die Zuhörer beim Auftritt des "Atos"-Klaviertrios im Rahmen des "Bronnbacher Musikfrühlings" im Josephsaal.

Es handelt sich bei diesem seit gerade mal sechs Jahren bestehenden Kammermusikensemble offensichtlich um eine absolute Ausnahmeformation, die sich in kürzester Zeit Weltruf erspielt hat und bei Wettbewerben rund um den Globus mit ersten Preisen ausgezeichnet wurde.

Dass Annette von Hehn(Violine), Stefan Heinemeyer(Violoncello) und Thomas Hoppe(Klavier) mittlerweile imstande sind, in dieser ehrwürdigen Gattung neue Maßstäbe zu setzen und dem wohlvertrauten Trioklang bislang nicht gehörte formale und ästhetische Dimensionen zu eröffnen, demonstrierten sie mit drei Werken von Haydn, Mendelssohn und Tschaikowsky, wobei allenfalls die letzte Programmnummer nicht in jeder Hinsicht überzeugte.

Das lag aber nicht an der Interpretation sondern an der Eigenart bzw. den Unzulänglichkeiten des Tschaikowsky-Trios, das sich zwar einen anerkannten Platz im Repertoire hat sichern können aber dennoch die Meinungen von Kennern und Liebhabern weiter spaltet. Wenn es der Gradmesser für die Sonder- und Ausnahmestellung eines Interpreten ist, das er Altbekanntes, Standardwerke seines Genres nachschaffend so zum Leben erweckt, als höre man sie zum aller ersten Mal, als würden sie im Zuge der Aufführung quasi auch neu komponiert, so handelt es sich bei diesem jungen Ensemble bereits um Ausnahme-Interpreten.

Es hat alle Qualitäten, die für hervorragendes Trio-Musizieren erforderlich sind, angefangen von der individuellen Klasse bis hin zu dem geistigen Gleichklang der drei Musizierenden, der über die rein technische Abstimmung hinausgeht.

Beim Atos-Trio kommt jedoch darüber hinaus der Stempel des Außergewöhnlichen: Ein unerhört klares, brillantes, raumgreifendes Klangbild beispielsweise, das in der guten Akustik des Josephsaals wunderschön zum Tragen kam, und ein extrem hoch gespannter, spektakulär gesteigerter Interpretationsgestus.

Ein Kammerkonzert als glanzvolles, mitunter atemberaubendes Bühnenspektakel - so etwas erlebt man nicht alle Tage.

Nicht zuletzt besitzt das Zusammenspiel von Annette von Hehn - mit ihrem wundervoll schlackenfreien, sonoren Geigenton - und ihren beiden Kollegen Stefan Heinemeyer und Thomas Hoppe nicht nur ästhetischen sondern auch hohen intellektuellen Rang.

Dies zeigte sich besonders zu Beginn des Programms im dreisätzigen A-Dur Trio des Jubilars Joseph Haydn, das von einer geradezu dialektischen Spannung im gegeneinander Ausspielen der Stimmen eines kammermusikalischen Diskurses geprägt war.

Der sprachmächtige, syntaktisch genau gegliederte, rhetorisch bis ins letzte ausgefeilte Vortrag des Trios überließ hier - einschließlich der bedeutsam ausgehalten Generalpausen - nichts dem Zufall und verstand es trotzdem, beim Zuhörer den Eindruck spontanen, einer momentanen Eingebung folgenden Musizierens zu erwecken.

Als atemberaubendes Ereignis, als Offenbarung von Kraft, Virtuosität, musikantischer Verve und Leidenschaft erwies sich danach die Wiedergabe von Felix Mendelssohn-Bartholdys d-moll Trio op.49.

Das 1839 entstandene, viersätzige, melodisch brillante und eingängige Werk gehört mit Recht zu den berühmtesten und beliebtesten Beispielen seiner Gattung. Der leidenschaftliche Schwung und das edle Pathos der beiden raschen Ecksätze stellen eine Herausforderung auch für eingespielte Ensembles dar; der hochvirtuose Klavierpart(fulminant: Thomas Hoppe)und die Klangpracht, die sich hier besonders aus den Aktionen des Cellisten(mit umwerfender Präsenz: Stefan Heinemeyer) entwickeln kann, dürften gerade für solche Ausnahmemusiker wie dem Atos-Trio von unwiderstehlichem Reiz sein und wurden in dieser spektakulären Wiedergabe auch bis zur Grenze ausgereizt.

Daneben gestalteten die drei Musiker die liedhafte Ruhe und lyrische Innigkeit des Andante zu einer Lektion in gedeckten Klangfarben, mit feinsten piano und pianissimo Nuancen und intensiver emotionaler Aussage. Das war einfach Weltklasse.

Ein Monstrewerk für die Besetzung Klaviertrio, nämlich Peter Tschaikowskys einziges Werk in dieser Gattung mit der Opuszahl 50, füllte den zweiten Teil des Konzerts im Josephsaal mühelos aus.

1882 entstanden, wurde diese Komposition nach ihrer Wiener Erstaufführung 1899 vom damals führenden Musikkritiker Hanslick ob ihrer "unbarmherzigen Länge" böse verrissen, und nachdem man die circa dreiviertel, ziemlich anstrengenden Stunden hinter sich gebracht hatte, konnte man das harsche Verdikt("Selbstmörder unter den Kompositionen") zumindest nachvollziehen.

In der Tat überwuchert bei diesem siebenfach untergliederten, innerlich zerrissenen und unübersichtlichen Werk die Mitteilung die Form in einer Weise, die es auch für willige Hörer schwer verdaulich macht.

Im Grunde ist dieses Trio, das "dem Andenken eines großen Künstlers" gewidmet ist, eine richtige Tschaikowsky-Symphonie voller Sehnsucht, Pathos und Bekenntnisdrang, nur eben in Trio-Besetzung, deren Eigengesetzlichkeit von Tschaikowsky hier allerdings weitgehend ignoriert wurde.

Das "Atos-Trio" interpretierte das Ganze auf die wohl einzig mögliche Weise, als Folge mitunter herrlicher musikalischer Momente, Bilder und Episoden mit quasi

symphonischer Farbenglut und Klangfülle, Kammermusik im Breitwandformat sozusagen.

Am Ende waren wohl alle im Saal, Musiker und Zuhörer gleichermaßen erschöpft aber glücklich über diesen phänomenalen Konzertabend.

Fränkische Nachrichten 9. Juni 2009

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