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Bronnbacher Musikfrühling
Jahresprogramm 2009

Das "Voces Quartett" begeisterte im Josephssaal (am Freitag, den 29.05.2009)

 Voces Quartett

Wundervoll reife, abgeklärte Musizierkultur, herrlich urwüchsige Musikalität und dazu eine - bei erweiterter Besetzung im zweiten Teil des Konzerts - farbensatte, überschäumende und quasi orchestrale Klangfülle kennzeichneten den Auftritt des "Voces" Streichquartetts, das sich beim zweiten Konzert im Rahmen des Bronnbacher Musikfrühlings im an diesem warmen Frühsommerabend leider nur zur gut zur Hälfte besetzten Josephsaal präsentierte.

Mit einem Programm aus zwei Haydn-Quartetten und dem einzigen Streichsextett von Peter Tschajkowsky, bekannt unter dem Beinamen "Souvenir de Florence" bewies das 1974 gegründete und seither vielfach ausgezeichnete rumänische Ensemble, dass es auch im 35. Jahr seines Bestehens international zu den Spitzenformationen der Gattung zählt. Dieses außergewöhnliche Ensemble, in dem die vier Herren Bujor Prelipcean (erste Violine), Anton Diaconu (zweite Violine), Constantin Stanciu (Viola)und Dan Prelipcean (Violoncello) miteinander musizieren, verfügt über viele herausragende Qualitäten. Es ist eine ganz natürliche und selbstverständliche Homogenität, die sich auch in einer farblichen und dynamischen Ausgewogenheit und gleichmäßigen Präsenz der vier Stimmen manifestiert und auch im Josephsaal zum Hörerlebnis wurde. Sodann ein weniger analytisches oder gar sezierendes sondern ein mehr intuitives und ganzheitliches Herangehen an die Vorlage, die nicht als abstraktes Gedankenspiel sondern als ein Organismus aufgefasst wird, der erst in der tönenden Realisation zum Eigenleben erweckt wird. Dazu kommen ein ausgesprochen südliches Musiziertemperament und zupackende Spontaneität, veredelt durch ein warme und sinnliche Klangideal.

Dieser warme, voluminöse Ensembleklang eignet sich auch gut dazu, die emotionalen Qualitäten in den Quartetten von Joseph Haydn (1732-1809) mehr ins Bewusstsein zu rücken, die im viel gerühmten trockenen Witz und unerschöpflichen Ideenreichtum dieses Komponisten ebenfalls immer enthalten sind. Im Josephsaal war Haydn mit zwei viersätzigen Werken seiner Reifezeit vertreten, dem 1793 entstandenen C-Dur Quartett op.74 und dem späteren "Quintenquartett" d-moll op.76 aus dem Jahr 1797. Gelassen und entspannt begannen die "Voces"-Musiker den Kopfsatz des C-Dur Quartetts, nach der "forte"- Einleitung in einem moderaten, vorsichtigen Tempo, das wohl auch dazu diente, erst die richtige "Betriebstemperatur" zu finden. Das folgende liebenswürdige, etwas betulich musizierte Andantino ließ gar ein wenig Reminiszenzen an das Wort von "Papa Haydn" aufkommen, doch spätestens im energischen "Vivace" Finale mit seinen kernigen Bordunklängen ließ das Ensemble seine große Klasse aufblitzen. Das "Quintenquartett" op.76, das zweite Beispiel in dieser Haydn-Hommage, ist ein Meisterwerk kompositorischer Ökonomie(vor allem im namensgebenden Eingangssatz), dichter gearbeitet und dramatisch gespannter als das vorhergehende aus op.74. Als wirkungsvoller Kontrast zu den schnellen Ecksätzen steht das Andante mit seinem anmutig zarten Dur-Thema, das in der überaus sensiblen Interpretation des Voces-Quartetts einen entrückten Zauber gewann. Im übrigen ließen die vier Musiker hier keine Wünsche offen, agierten hellwach und brillant (unüberhörbar dabei die Stimme von Primarius Bujor Prelipcean), kraftvoll und pointiert in den kontrapunktischen Teilen. Eindrucksvoll auch das kantige Menuett mit

seiner kanonartigen Satztechnik und geisterhaften Atmosphäre und die vibrierende Energie und federnde Straffheit des virtuosen Finales, das nicht zufällig im Josephsaal schon mal mit prasselndem Beifall quittiert wurde. Doch wenn hier noch eine Steigerung möglich war, so wurde sie nach der Pause geleistet: Zunächst einmal durch die Erweiterung des Ensembles zum Streichsextett mit der Hinzunahme von zwei weiteren Mitspielern in Person von Bratschist Reiner Schmidt und seines Sohnes, des jungen, viel versprechenden Cellisten Florian Schmidt-Bartha. Und dann durch die Hinwendung zur Romantik, einer Epoche, dem wunderbar naturwüchsigen und vollblütigen Musizierstil des "Voces"-Quartetts anscheinend besonders entgegenkommt. Das "Souvenir de Florence", als sein einziges Werk in dieser Gattung von Peter Tschaikowsky 1890 geschrieben, hat in seinen vier recht ausgedehnten Sätzen ja etliche Qualitäten, die geeignet wären, es zu einem populären Repertoirestück zu machen: Hinreißende Melodik, hochromantische Stimmung, Folklore-Elemente voll slawischer Seele, weist freilich auch in Stimmführung und Satztechnik auch Elemente der höheren Musik auf. die einer richtigen Popularität eher im Wege stehen.

Wie auch immer - welch eine in allen Farben funkelnde, in allen Lagen vibrierende Klangpracht sich bei der Wiedergabe dieses über weite Strecken schon orchestralen Kammermusikwerks durch die geeigneten Interpreten entwickeln kann, das konnte man auf umwerfende Art erleben - bis hin zur förmlich entfesselten, dahinrasenden Stretta des Finales, in das die zirka dreiviertelstündige Aufführung dieses Werkes mündete. Wohl fünf Minuten währte der Schlussbeifall, doch an eine Zugabe war nach dieser grandiosen "tour de fr de force" wirklich nicht mehr zu denken. Thomas Hess

Fränkische Nachrichten 29. Mai 2009

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