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Jahresprogramm 2006

Das Wunderkind Wolfgang (am Dienstag, den 16.05.2006)

Prof. Dr. Ulrich Konrad ist Leiter des Instituts für Musikwissenschaft der Universität Würzburg und einer der führenden Mozart-Forscher. Zur Eröffnung der Mozartfestwoche hielt Prof. Dr. Konrad einen Vortrag im Kloster Bronnbach (wir berichteten bereits kurz).  In diesem Jahr, so Prof. Konrad, werde man geradezu überschüttet mit Bildern, wie man sich Mozart vorzustellen habe. Bei dem Anfang des Jahres von der ARD ausgestrahlten Mozart-Film habe sich "der Kenner nur die Augen reiben können". Das Leben Mozarts lasse sich in den Salzburger und Wiener Abschnitt teilen, die gegensätzlicher nicht denkbar seien. "Welterkundung" sei das beherrschende Thema der Salzburger Zeit: "Es gibt kaum einem jungen Menschen im 18. Jahrhundert, der eine dermaßen breite Ausbildung erfahren und als Jugendlicher so viele Erfahrungen sammeln konnte wie Wolfgang Amadé Mozart". 

Amadeus sei übrigens nicht sein Vorname; Mozart selbst habe sich auch nie so genannt und Dokumente mit "Wolfgang Amadeo" oder später konsequent mit "Wolfgang Amadé" unterzeichnet. Vater Leopold habe es als seine ihm von Gott  uferlegte Aufgabe angesehen, dem Wunderkind Wolfgang zum Durchbruch zu verhelfen und ihn der Welt zu präsentieren. Ohne jegliche Erfahrung und ohne Konzertagenten sei er mit dem Knaben durch die musikalische Welt Europas, vor allem an die großen Höfe gereist. Dies habe Mozart mit allen damals aktuellen musikalischen Strömungen zusammengebracht. Wenn man ein berühmtes Orchester hören oder einen berühmten Komponisten treffen wollte, habe man an den Ort reisen müssen, wo dieses Orchester residierte oder der berühmte Meister wirkte. Die erste Phase des Welterkundens sei, so Prof. Konrad, in den Jahren 1780/1781 zu Ende gegangen. Er habe nach bürgerlichen Maßstäben damals bereits mit 16 Jahren alles erreicht; eine festbesoldete Planstelle auf Lebenszeit. Doch dies sei Mozart zu wenig gewesen. Er habe mit seiner Salzburger Herrschaft gebrochen und versucht, eine Existenz ohne ein festes Amt zu leben. Dies gelang Mozart dann in seiner Wiener Zeit von 1781 bis 1791. Im Gegensatz zu vielen Biografien und Darstellungen in Filmen könne keine Rede davon sein, dass Mozart nicht anerkannt worden und "am Ende verkannt und verarmt gestorben und in einem Massengrab verscharrt" worden sei. Mozart habe wie ein freier Unternehmer agiert und den Musikmarkt mit seinem brillanten Klavierspiel und vor allem seinen Klavierkompositionen erobert. Mit seinem "Produkt" Klavierkonzert, einem "Alleinstellungsmerkmal", das ihm keiner streitig machen konnte, habe er die Wiener Gesellschaft erobert. Auf anderen musikalischen Gebieten habe es mehr Konkurrenz gegeben, etwa bei der Oper mit Antonio Salieri. Mit seinen Streichquartetten oder Klaviertrios habe er konsequent diese Gattungen in ihrem Kunstanspruch vertieft, damit aber den damaligen Geschmack des Publikums ignoriert

 

In akribischer Arbeit seien mittlerweile auch alle Belege zusammengetragen, dass Mozart nicht verarmt gestorben sei. Sein Jahreseinkommen habe zuletzt umgerechnet 50 000 Euro betragen. Bei freier Kost und Logis habe etwa das Dienstmädchen Mozarts mit 250 Euro imJahr auskommen müssen. Fazit von Prof. Konrad: "Mozart gehörte zu den Spitzenverdienern". So habe er in bester Lage gewohnt, ein Pferd besessen und Wert auf modische und teure Kleidung gelegt. Mozart habe allerdings seinen Lebensstil nicht an der bürgerlichen Welt der Musiker und des Mittelstandes, sondern an der Aristokratie ausgerichtet. Dies sei der Grund gewesen, warum Mozart dann immer wiederin finanzielle

Bedrängnis geriet.

Die immer wieder kolportierte Beisetzung in einem Armengrab stelle sich anders dar. Mozart habe, so Prof. Konrad, das Schicksal von 85 Prozent der Wiener geteilt, die nicht über eine aristokratische Familiengruft verfügten und deshalb nach den damaligen strengen Vorschriften außerhalb der Stadtmauern auf den Friedhöfen in Schachtgräbern mit zehn bis fünfzehn abgelegten Leichen in Leinsäcken beerdigt wurden; abgedeckt mit Kalk, um die Verwesung zu beschleunigen und dadurch die Gefährdung des Grundwassers zu verringern.

Das auf häufigsten verbreitete Bild von Mozart, etwa auch auf den Mozartkugeln, sei übrigens falsch; es sei 25 Jahre nach Mozarts Tod von einer Malerin angefertigt worden, die den Komponisten nie gesehen habe. "Wenn Mozart hier vor ihnen stünde, sie wären enttäuscht". Mozart sei mit 1,55 Metern ein kleines Männlein gewesen, ziemlich dicklich, kurzsichtig und hatte nach einer schweren Blatterninfektion eine narbige Haut. Kurzum, niemand hätte ihn für eine große Persönlichkeit gehalten. Sein musikalisches Werk sei aber noch heute von einer unglaublichen Fülle. Die neue Mozart-Ausgabe habe einen Umfang von 23000 großformatigen, in knapp dreißig Jahren von Mozart geschriebenen Seiten. Er habe in "ständiger, produktiver Höchstspannung" gelebt. Ansonsten sei er eher einganz durchschnittlicher Mensch mit teilweise etwas merkwürdigen Manieren gewesen. ferö

© Fränkische Nachrichten - 16.05.2006

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