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Jahresprogramm 2006

Augenblicke größter Zartheit - (am Montag, den 22.05.2006)

Augenblicke größter Zartheit

"Ersatz-Musiker " sorgten beim Duo-Abend in Bronnbach für
ein unvergessliches Erlebnis

Statt der angekündigten Werke von Mozart standen beim Duo-Abend im
Rahmen der Mozartfestspiele im Kloster Bronnbach Kompositionen von Bach,
Beethoven und Schostakovich auf dem Programm. Wegen einer Erkrankung
musste der Cellist Wolfgang Boettcher seinen geplanten Auftritt in Bronnbach
absagen (wir berichteten). Gleichwohl fand das Konzert mit anderer Besetzung
und neuem Programm statt.
Die 31-jährige Pianistin Anika Vavic trat mit dem 1968 in Locarno (Schweiz)
geborenen Cellisten und Komponisten Orfeo Mandozzi auf, der seit 1991 in
Wien lebt. Beide stehen schon ganz oben auf der Karriere-Leiter und wurden
zu Recht als gleichwertiger Ersatz angekündigt. Vor drei Jahren wurde Anika
Vavic, bereits als Kind Preisträgerin zahlreicher internationaler Wettbewerben,
auf Vorschlag des Wiener Musikvereins und des Wiener Konzerhauses für den
renommierten Konzertzyklus "Rising Stars" ausgewählt, der sie als Solistin in
die bekanntesten Konzerthäuser der Welt führte. Diese Musiktempel waren
Orfeo Mandozzi zu dieser Zeit längst vertraut; mit zwölf Jahren hatte er mit
dem Cellostudium begonnen. Nach vielen Auszeichnungen und ersten Preisen
bei internationalen Wettbewerben leitete er in der Folgezeit bedeutende
Festivals und Meisterkurse. Mandozzi ist Mitglied des Wiener Brahms-Trios
und des Wiener Streichtrios. Vor einigen Monaten wurde er als Professor an
die Hochschule für Musik in Würzburg berufen.
Der Duo-Abend mit den hochmusikalischen, sensiblen Musikern, die nicht zum
ersten Male gemeinsam auftraten, wurde für die rund 100 Besucher ein
unvergessliches Erlebnis. Die Pianistin und der Cellist hielten eindringlich
Zwiesprache untereinander und das Publikum fühlte sich rasch einbezogen.
Alle Werke des Abends vermittelten den Eindruck eines absolut homogenen
Duos, dessen Zusammenspiel schon bei der letzten Probe den ersten
Zuhörern im Saal andeutete, wie sehr anschließend technisch meisterliches
Spiel von musikalischen Impulsen und rasch wechselnden Stimmungen
überstrahlt werden würde. Im Adagio aus der Toccata in C-Dur von Johann
Sebastian Bach und im ersten Satz der Sonate in A-Dur von Luigi Boccherini
ging die Pianistin Vavic mit viel Spielintensität ans Werk, wusste aber ihren
Ausdruck sehr gut auf den Cellisten zu dosieren.
Augenblicke größter Zartheit schuf das Duo in der Beethoven-Sonate in A-Dur
op. 69 von Ludwig van Beethoven. Mit ihrer Interpretation dieser nicht ohne
Grund sehr häufig gespielten Sonate, die noch nichts von der Sprödigkeit
späterer Sonaten ahnen lässt, überzeugte das Duo mit ausgewogenen und
satt-melodischen Klängen. Hinsichtlich ihrer Wirkung auf den Zuhörer ähnlich
war dann Schostakovichs bedeutendstes Kammermusikwerk, die 1934
komponierte Cellosonate; eine Fortsetzung der mit der Beethoven-Sonate
begonnenen, melodischen Weisen, die im Cello-Solo des dritten Satzes ihren
expressiven Höhepunkt fanden.
In Bronnbach bedankten sich Vavic und Mandozzi auf der Bühne mit zwei
ungewöhnlichen Zugaben, einem Walzer und dem Wiegenlied von Nino Rota,
dem 1979 verstorbenen Komponisten, der für alle Filme von Federico Fellini
die Musik komponierte und die Grenzen der Unterscheidung sogenannter Uund
E-Musik bewusst überschritt. Es gebe nur gute oder schlechte Musik, soll
er nach Orfeo Mandozzi gesagt haben.
Die Künstler bekamen stürmischen Applaus, blieben anschließend im
Treppenhaus stehen und kamen so mit allen in Hochstimmung aus dem
Konzertsaal strömenden Zuhörern auf Tuchfühlung. Jeder Konzertbesucher
fühlte sich durch diese Begegnung in mehrfacher Weise beschenkt. Die
Begegnung mit den ursprünglich nicht eingeplanten Künstlern kam
überraschend und wurde vielleicht gerade deshalb zu einer Sternstunde der
diesjährigen Mozartfestspiele. Fazit: Es muss nicht immer Mozart sein

ferö
© Fränkische Nachrichten - 22.05.2006

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